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GBV-TU Wien Symposium zum Thema Klima & Wohnen schlägt die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis

Die seit vier Jahren bestehende Kooperation zwischen der GBV und dem Research Center for New Social Housing (TU Wien) verbindet Forschung, Lehre und Wohnbaupraxis in einem kontinuierlichen Austausch. In diesem Rahmen werden regelmäßig gemeinsame Veranstaltungen und Lehrformate umgesetzt, die aktuelle Fragestellungen des gemeinnützigen Wohnbaus aufgreifen. Das diesjährige gemeinsame Symposium „Klima & Wohnen – Ein urbanes Spannungsfeld zwischen Praxis und Forschung“ mit Vorträgen, Posterpräsentationen und einer Podiumsdiskussion bildete zugleich den Abschluss einer Lehrveranstaltung, in der sich Architektur- und Raumplanungsstudierende über ein Semester hinweg intensiv mit den sozialen und ökologischen Herausforderungen des Wohnens auseinandersetzten und dabei auch Einblicke in die Praxisperspektiven der GBV-Mitglieder erhielten.

Notwendige Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen, wie energetische Sanierung, Begrünung, Verdichtung oder andere ressourcenschonende Formen der Gebäudetransformation und Wohnbauproduktion, stehen im Zentrum der europäischen und österreichischen Klimapolitik. Gleichzeitig ist Wohnen stark von sozialer Ungleichheit betroffen — insbesondere in Zeiten multipler Krisen verändert sich der Zugang zu leistbarem und adäquatem Wohnraum deutlich. Die Notwendigkeit zur CO₂-Reduktion und Klimawandelanpassung stellt somit nicht nur eine ökologische Herausforderung dar. Die Erweiterung der Frage, was wir uns in Zukunft nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch in Bezug auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden leisten können, erscheint in diesem Zusammenhang essentiell.

In diesem Spannungsfeld stellt sich für gemeinnützige Wohnbauträger, politische Entscheidungsträger:innen und andere Akteur:innen im sozialen Wohnbau die zentrale Frage: Wie kann die sozial-ökologische Transformation des Wohnbestands so gestaltet werden, dass sie sowohl ökologisch wirksam als auch sozial gerecht, leistbar und inklusiv ist — ohne sozial-räumliche Ungleichheiten zu verschärfen? Das Mini-Symposium zielte darauf ab, diese Fragen gemeinsam mit Akteur:innen aus Praxis und Forschung kritisch zu reflektieren — und dabei Perspektiven, Herausforderungen und Lösungsansätze für gemeinnützigen und genossenschaftlichen Wohnbau im Kontext der Klima- und Energiewende zu diskutieren. Neben Vertreter:innen aus der gemeinnützigen Branche und der Architektur in Österreich waren auch Forscher:innen der ETH Zürich aus der Schweiz vor Ort, was interessante Vergleiche zwischen unterschiedlichen Strategien im Umgang mit Bestand und Neubau im Hinblick auf die Anpassung an den Klimawandel ermöglichte. Einige Punkte bzw. Fragestellungen, die im Rahmen der Paneldiskussion angesprochen wurden, seien hier kurz angeführt:

Ersatzneubau und Verdichtung versus Sanierung:
In der Diskussion trat insbesondere das Spannungsfeld zwischen Ersatzneubau (in Österreich auch als Reconstructing bekannt) in Kombination mit baulichen Verdichtungsmaßnahmen und Sanierungsmaßnahmen zutage. Dabei zeigte sich, dass aufgrund der begrenzten Grundstücksreserven in der Schweiz der Fokus aktuell verstärkt auf ersterer Maßnahme liegt, also der Verdichtung durch Ersatzneubau. Es wurde jedoch auch betont, dass dies aus ökologischer und sozialer Sicht oft nicht ideal ist. Obwohl zwar neue Gebäude entstehen, deren Energieeffizienz in den meisten Fällen deutlich besser ist, fällt die Ökobilanz deutlich schlechter aus, wenn man auch die „graue Energie“, d.h. die Energie, die im Bau und in den Materialien steckt - mitberücksichtigt.

Soziale Folgen von Ersatzneubau und Sanierung:
Erörtert wurde, wie Mietpreissteigerungen im Zuge von Ersatzneubauten oder umfassenden Sanierungen vermieden oder zumindest gedämpft werden können und wie sich Gentrifizierung im Rahmen der Umstellung auf klimafreundliche Gebäude und Heizsysteme verhindern lässt. Besonders in der Schweiz stellen steigende Mieten infolge von Ersatzneubauten und infolge von Sanierungen eine große Herausforderung dar, da diese häufig zu Verdrängungseffekten führen. Das System des Erhaltungs- und Verbesserungsbeitrags (EVB) im gemeinnützigen Sektor in Österreich, der die Kosten langfristig über die Bestandsdauer verteilt, trägt wesentlich zu einer faireren Verteilung der Sanierungskosten über den Lebenszyklus eines Gebäudes bei und beugt Verdrängungseffekten vor.

Sanierungen und demografischer Wandel:
Gleichzeitig wurden neue Anforderungen an den Wohnbau thematisiert, die sich aus dem demografischen Wandel ergeben, etwa der steigende Anteil von Einpersonenhaushalten. Das spielt auch bei Sanierungen und Ersatzneubauten eine Rolle, da Grundflächen neu bzw. anders aufgeteilt werden können.

Bedeutung der Kommunikation bei Sanierungen:
Einigkeit bestand darüber, dass eine transparente und frühzeitige Kommunikation mit den Bewohner:innen ein entscheidender Erfolgsfaktor bei Sanierungsprojekten ist. Gemeinnützige setzen sich zunehmend mit dem Thema auseinander und entwickeln spezifische Strategien wie Kommunikation bei Sanierungen am besten funktionieren kann.

Innovationskraft der Gemeinnützigen:
In beiden Ländern wurden gemeinnützige Bauträger und Wohnbaugenossenschaften als zentrale Treiber und Maßstab für Innovationen im Bereich Sanierung und Neubau hervorgehoben.


Verfasser: Judith Lehner (TU Wien), Michael Friesenecker (TU Wien), Gerald Kössl (GBV)

 

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