Interview mit der neuen Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch
(c) Parlamentsdirektion/Thomas Topf
Als Wohnbaustadträtin kommen Sie ja viel herum: Spatenstiche, Gleichenfeiern, Schlüsselübergaben. Welche Termine absolvieren Sie am liebsten – wenn der erste Spaten gesetzt wird oder wenn die ersten Mieterinnen und Mieter einziehen?
Im Zentrum der Wohnbaupolitik muss immer der Mensch stehen. Entsprechend sind die schönsten Termine die Schlüsselübergaben. Die neu-einziehenden Bewohner*innen zu treffen, die schon auf ihre leistbare und hochqualitative Wohnung gewartet haben, und ihre Freude zu teilen, ist jedes Mal etwas Besonderes. Spatenstiche und Dachgleichen sind auch immer sehr schöne und feierliche Termine, weil etwas im Entstehen ist. Im Endeffekt sind es aber natürlich Zwischenschritte am Weg zur Schlüsselübergabe.
Sie kommen aus der Mietervereinigung und kennen die Sorgen vieler Mieterinnen und Mieter aus der Beratungspraxis sehr genau. Was nehmen Sie aus dieser Zeit ganz konkret in Ihre neue Aufgabe als Wiener Wohnbaustadträtin mit?
Wien ist eine Stadt der geförderten Miete. Dabei ist uns wichtig, dass die Mieter*in im Zentrum des Interesses stehen. Gleichzeitig brauchen wir aber immer einen fairen Austausch zwischen Mieter*innen und Vermieter*innen. Denn durch diesen Ausgleich schaffen wir ideale Bedingungen. Und nicht zuletzt darin wurzelt das soziale Miteinander in unserer Stadt.
Wien gilt seit Jahrzehnten als internationale Vorzeigestadt im sozialen und gemeinnützigen Wohnbau. Gleichzeitig sind Baukosten, Finanzierungskosten und Ansprüche an Energie, Klima und Wohnqualität stark gestiegen. Wie kann Wien dieses Modell unter diesen neuen Bedingungen weiter absichern?
Die Ansprüche an den Wohnraum sind mit der Zeit zweifelsohne gestiegen. Es muss unser Bestreben sein für die Zukunft zu bauen und auch für kommende Generationen nachhaltigen und hochqualitativen Wohnraum zu leistbaren Konditionen anbieten zu können. Die Attraktivität des Wiener Wohnbaumodells besteht gerade in dieser einzigartigen Wohnqualität, die nicht zuletzt die gemeinnützigen Wohnbauträger bieten. Gleichzeitig ist es auch eine Frage der Finanzierbarkeit der Wohnbauprojekte. Die Stadt Wien sieht sich hier als verlässliche Partnerin der gemeinnützigen Wohnbauträger und wird auch in Zukunft ihre Verantwortung wahrnehmen, um den Ausbau und die Sanierung unserer Wohnprojekte vorantreiben zu können.
Die Stadt Wien hat zuletzt die „Wohnungsvergabe NEU“ vorangetrieben. Was soll dieses neue System aus Ihrer Sicht besser machen – und woran werden die Wienerinnen und Wiener konkret merken, dass die Vergabe fairer, transparenter oder einfacher wird?
Der Grundgedanke der Wohnungsvergabe wird mit der Systemumstellung neu gedacht. Wir gehen weg von einem starren Schema und viel individueller auf die jeweilige tatsächliche Lebenssituation der Wohnwerber*innen ein. Gleichzeitig ist es uns gelungen, die Vergabe von Gemeindewohnungen und gemeinnützigen Wohnungen zu vereinheitlichen: Das heißt, jede*r Wohnwerber*in bekommt zukünftig, alle Wohnungen angezeigt, die in Frage kommen. Obwohl das System dadurch individueller und komplexer geworden ist, erreichen wir eine Vereinfachung für den Wohnungssuchenden.
Der Neubau ist in ganz Österreich schwieriger geworden. Wien wächst aber weiter und braucht zusätzlichen leistbaren Wohnraum. Welche Rolle sollen gemeinnützige Bauträger in den kommenden Jahren spielen, um wieder mehr Projekte in Umsetzung zu bringen?
Gemeinnützige Bauträger sind in der Gegenwart und werden auch in der Zukunft eine ganz zentrale und tragende Säule des Wiener Wohnbaumodells sein. Aktuell sind wir in einer Situation, in der mehrere zukunftsweisende Faktoren ineinandergreifen: Mit der Widmungskategorie „Geförderter Wohnbau“ haben wir dem geförderten Wohnbau in Wien bewusst den Vorrang gegeben und den Ausbau abgesichert. In den großen Stadtentwicklungsgebieten der Stadt wird immer mehr gebaut. Dabei zählen wir stark auf die Gestaltungskraft der gemeinnützigen Wohnbauträger. Durch Bauträgerwettbewerbe erschließen wir zusätzliche Gebiete und nicht zuletzt haben wir durch die strategischen Bodenbevorratung auch Mittel in der Hand, den geförderten Wohnbau langfristig abzusichern.
Wien verfügt mit dem Gemeindebau, dem geförderten Wohnbau und dem gemeinnützigen Wohnbau über ein sehr breites Angebot. Wie wichtig ist dieses Zusammenspiel gerade jetzt, wo der private Wohnungsmarkt für viele Menschen immer schwerer leistbar wird?
Das Zusammenspiel aller Player des Wohnbaumodells ist von entscheidender Bedeutung, um die Herausforderungen der Zeit stemmen zu können. Die Nachfrage nach gefördertem Wohnraum ist nicht enden wollend und gleichzeitig müssen wir schauen, dass wir die Bestandsgebäude klimaresilient sanieren. Darauf müssen wir uns fokussieren. Die Herausforderungen bestehen unabhängig von den Entwicklungen im privaten Wohnungs- und Bausektor. Dennoch müssen wir diese Entwicklungen genau beobachten und entgegenwirken. Da spielen auch rechtliche Komponenten, außerhalb der Landesgesetzgebung, eine nicht unwesentliche Rolle. Eine Schlechterstellung der gemeinnützigen Wohnbauträger kann nie im Interesse der Stadt Wien sein.
Ein großes Thema ist die Sanierung des Bestands – vom Gemeindebau über geförderte Wohnhausanlagen bis hin zur thermischen Verbesserung. Wo sehen Sie die größten Hebel, um Sanierungen sozial verträglich, klimafit und finanziell machbar umzusetzen?
Die Hebel sind in unserem Bereich sicherlich Beratung auf der einen Seite und Förderung auf der anderen Seite. Wien hat mit der Hauskunft eine einzigartige Servicestelle, die genau bei diesen beiden Anknüpfungspunkten ansetzt. Es kann nur im gemeinsamen Interesse von Stadt und der gemeinnützigen Wohnbauträgern sein, hier an einem Strang zu ziehen.
Die heißen Sommer werden auch in Wien immer stärker spürbar. Zuletzt wurde etwa der Einbau von Klimageräten im Gemeindebau erleichtert. Wie lässt sich Klimaanpassung im Wohnbau so gestalten, dass sie nicht zu einer neuen sozialen Frage wird?
Die Innovationskraft, die im Wiener Wohnbau vorhanden ist und nicht zuletzt bei den Bauträgerwettbewerben immer wieder aufs Neue zu Tage tritt, lässt mich diesbezüglich sehr positiv in die Zukunft blicken. Dennoch wird uns dieses Thema gerade bei der Sanierung von Bestandsgebäuden noch über Jahrzehnte beschäftigen. Aber auch in dieser Frage bin ich über den hohen Anteil an geförderten und kommunalen Wohnbau in unserer Stadt sehr froh. Denn der gemeinnützige Wohnbau ist ein Garant für die Wiener Lebensqualität von Morgen.