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Was weiß Deutschland über Genossenschaften?

Genossenschaften gehören zu den ältesten und zugleich modernsten Organisationsformen unserer Wirtschaft. Sie verbinden wirtschaftliches Handeln mit demokratischer Mitbestimmung und dem Ziel, ihre Mitglieder nachhaltig zu fördern. Doch wie präsent ist dieses Modell eigentlich im Bewusstsein der Bevölkerung? Was wissen die Menschen heute wirklich über Genossenschaften?

Diesen Fragen ist das Institut für Genossenschaftswesen der Universität Münster in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung nachgegangen. Die Studie „Was weiß Deutschland über Genossenschaften?“ wurde Anfang 2025 durchgeführt und knüpft an eine frühere Untersuchung aus dem Jahr 2011 an. Ziel war es, den aktuellen Wissensstand zu erfassen und Entwicklungen im Zeitverlauf sichtbar zu machen.

Das zentrale Ergebnis lässt sich einfach zusammenfassen:
Genossenschaften sind bekannt – aber nur oberflächlich verstanden.

Rund drei Viertel der Befragten geben an, den Begriff „Genossenschaft“ zu kennen. Damit ist die Rechtsform weiterhin fest im öffentlichen Bewusstsein verankert. Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass dieses Wissen oft vage bleibt. Auf konkrete Nachfrage können mehr als 70 Prozent der Befragten keine inhaltliche Beschreibung liefern, was eine Genossenschaft eigentlich ausmacht. Bekanntheit bedeutet also nicht automatisch Verständnis.

Wo Assoziationen vorhanden sind, beziehen sie sich vor allem auf klassische Bereiche: Genossenschaftsbanken und Wohnungsbaugenossenschaften gelten nach wie vor als Prototypen des genossenschaftlichen Modells. Neuere Felder wie Energie-, Sozial- oder Bildungsgenossenschaften sind dagegen deutlich weniger präsent – obwohl sie gesellschaftlich stark an Bedeutung gewinnen.

Ein besonders spannender Befund betrifft die Verbreitung von Mitgliedschaften. Unter denjenigen, die den Begriff „Genossenschaft“ kennen, ist etwa ein Viertel selbst Mitglied in mindestens einer Genossenschaft. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung bedeutet das: Rund ein Fünftel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland ist genossenschaftlich organisiert. Damit sind Genossenschaften keine Nischenerscheinung, sondern eine tragende Säule der Wirtschafts- und Zivilgesellschaft.

Die Mitgliedschaften konzentrieren sich weiterhin stark auf Banken und Finanzgenossenschaften sowie auf Wohnungsgenossenschaften. Gleichzeitig zeigen sich aber Verschiebungen: Energiegenossenschaften und soziale Genossenschaften gewinnen spürbar an Bedeutung. Sie spiegeln gesellschaftliche Megathemen wie Klimaschutz, Nachhaltigkeit und soziale Teilhabe wider, sind kommunikativ aber bislang noch unterrepräsentiert.

Neben der Bekanntheit hat die Studie auch untersucht, welche Eigenschaften diejenigen Personen, die Genossenschaften kennen, mit Genossenschaften verbinden. Hier fällt das Bild deutlich positiv aus. Drei Merkmale prägen das öffentliche Verständnis besonders stark:
 

  • Demokratisch: Genossenschaften werden klar mit Mitbestimmung und gemeinsamer Entscheidungsfindung assoziiert.
  • Mitgliederzentriert: Die Förderung der Mitglieder gilt als zentrales Ziel.
  • Langfristig orientiert: Genossenschaften werden als stabile, nachhaltige Wirtschaftsakteure wahrgenommen.



Diese „wertorientierte Trias“ bildet den Kern der positiven Wahrnehmung. Weniger klar ist dagegen das Verständnis der wirtschaftlichen Logik von Genossenschaften. Zwar wird die Idee einer begrenzten Gewinnerzielungsabsicht grundsätzlich akzeptiert, viele Befragte empfinden das Zusammenspiel von Wirtschaftlichkeit und Mitgliederförderung jedoch als erklärungsbedürftig. Besonders schwach ausgeprägt ist die spontane Verbindung von Genossenschaften mit ökologischer Nachhaltigkeit – obwohl viele Energiegenossenschaften genau hier aktiv sind.

Im Vergleich zur Studie von 2011 zeigt sich ein gemischtes Bild: Die Bekanntheit der Rechtsform ist leicht zurückgegangen, gleichzeitig ist der Anteil der Bevölkerung mit eigener Genossenschaftsmitgliedschaft deutlich gestiegen. Das bedeutet: Weniger Menschen wissen konkret, was eine Genossenschaft ist – aber mehr Menschen sind praktisch Teil davon. Diese Diskrepanz ist kommunikativ hochspannend.

Für die Öffentlichkeitsarbeit ergeben sich daraus klare Konsequenzen. Die Studie legt nahe, dass Genossenschaften weniger abstrakt und stärker anhand konkreter Beispiele kommuniziert werden sollten. Statt über „die Genossenschaft“ im Allgemeinen zu sprechen, braucht es Geschichten aus dem Alltag:
 

  • die Wohnung, die dauerhaft bezahlbar bleibt,
  • die Bürgerenergieanlage im eigenen Ort,
  • die Bank, die ihren Mitgliedern gehört,
  • das soziale Projekt, das gemeinschaftlich getragen wird.


Ein einfaches, einprägsames Leitnarrativ lässt sich aus den Ergebnissen direkt ableiten:

„Gemeinsam – demokratisch – langfristig.“

Diese Formel bringt das genossenschaftliche Prinzip auf den Punkt und ist zugleich anschlussfähig für Politik, Medien und Öffentlichkeit. Ergänzt um klare Zahlen, kurze „Proof Points“ und regionale Beispiele kann sie helfen, das abstrakte Modell greifbar zu machen.

Gerade mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen – Energiewende, soziale Infrastruktur, Vermögensbildung, regionale Daseinsvorsorge – zeigt die Studie: Genossenschaften besitzen ein enormes, oft unterschätztes Potenzial. Was ihnen fehlt, ist nicht gesellschaftliche Relevanz, sondern Sichtbarkeit und Verständlichkeit.

Die Ergebnisse der Umfrage sind daher nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern ein Auftrag: vom bloßen Bekanntheitsgrad zum echten Verständnis zu gelangen – und die genossenschaftliche Idee wieder stärker als lebendige, zeitgemäße Organisationsform in der Öffentlichkeit zu verankern.

Weitere Informationen zur Studie können Sie hier in einem Artikel der IfG Impulse nachlesen oder sich das Video der Präsentation der Studie anschauen.


Über die Autor:innen und das Institut für Genossenschaftswesen Münster
Das Institut für Genossenschaftswesen (IfG) der Universität Münster ist eine der führenden wissenschaftlichen Einrichtungen im deutschsprachigen Raum zur Erforschung, Weiterentwicklung und praktischen Gestaltung des Genossenschaftswesens an der Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Prof. Dr. Thorsten Wiesel ist Vorstandsvorsitzender der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen Münster e. V. und Direktor des Instituts für Genossenschaftswesen. Ninja Schmiedgen ist Geschäftsführerin der Forschungsgesellschaft.

IfG Geno-Convention 2026
Am 30. April 2026 lädt das Institut für Genossenschaftswesen der Universität Münster zur IfG Geno-Convention nach Münster ein. Unter dem Leitmotiv „Daten als Kompass, KI als Motor – Perspektiven für genossenschaftliches Wirtschaften“ stehen in diesem Jahr die Chancen, Herausforderungen und strategischen Potenziale von Daten und Künstlicher Intelligenz im Mittelpunkt genossenschaftlicher Praxis und Forschung. Die Veranstaltung kombiniert Masterclasses, Impulsvorträge, Diskussionen und Networking-Formate und bietet Entscheidungsträger:innen aus Wissenschaft und Praxis praktische Orientierung für die Zukunftsfähigkeit genossenschaftlicher Organisationen. Weitere Informationen und Anmeldung: https://ifg-muenster.de/ifg-geno-convention-2026/
 

Gastbeitrag von Prof. Dr. Thorsten Wiesel und Ninja Schmiedgen, Institut für Genossenschaftswesen der Universität Münster