Serielle Sanierung auf dem Vormarsch
Die Transformation bestehender Gebäude zu aktiven Teilnehmern eines nachhaltigen Energiesystems zählt zu den größten Herausforderungen der Energiewende. Um die Sanierungsrate zu erhöhen und erneuerbare Energie effizient bereitzustellen, sind skalierbare und wirtschaftliche Lösungen gefragt. Eine Möglichkeit ist die serielle Sanierung. Ein aktuelles Beispiel dafür findet man in Graz. Das Studentenwohnheim in der Grüne Gasse 48 wurde 1972 von der Rottenmanner Siedlungsgenossenschaft errichtet und umfasst 34 Wohneinheiten mit einer Nutzfläche von 1.265 m². Obwohl bereits in den 1980er-Jahren eine Fassadendämmung sowie 2018 neue Dreifachverglasungen umgesetzt wurden, entsprach das Gebäude nicht mehr den Anforderungen an einen zukunftsfähigen, klimaneutralen Gebäudebestand.
Sanierungsmaßnahmen
Vor diesem Hintergrund wurde das Objekt im Rahmen des Forschungsprojekts RENVELOPE – Energy Adaptive Shell unter der Leitung der AEE umfassend saniert. Das Gebäude ist einer von drei Demonstratoren, mit denen die Praxistauglichkeit serieller, multifunktionaler Gebäudehüllen erprobt und der Marktdurchbruch dieser innovativen Sanierungsmethode vorbereitet werden soll. Kern des Projekts ist der Einsatz industriell vorgefertigter Fassadenmodule. Die Module werden im Werk inklusive Dämmung, Bauteilaktivierung und fertiger Fassadenoberfläche produziert und anschließend innerhalb kurzer Zeit am Gebäude montiert. Dadurch können Bauzeiten deutlich verkürzt und die Qualität erhöht werden.
Die Fassade aus der Fabrik
Die innovative Gebäudehülle integriert mehrere Funktionen gleichzeitig: Neben der thermischen Sanierung übernimmt sie die Wärme- und Kälteverteilung sowie die kontrollierte Wohnraumlüftung. Die Temperierung erfolgt dabei primär über die aktivierte Außenhülle und nicht über klassische Heizkörper oder Kühlanlagen im Innenraum. Zum Einsatz kommt das CEPA®-System, eine in die Fassadenelemente integrierte Bauteilaktivierung. Diese ermöglicht sowohl das Heizen als auch eine moderate Kühlung des Gebäudes und wird durch eine intelligente Regelsoftware gesteuert.
Umfassendes Maßnahmenpaket
Die Sanierung umfasste aber weit mehr als die Erneuerung der Gebäudehülle. Die bestehende elektrische Direktheizung beziehungsweise Nachtspeicherheizung wurde vollständig durch eine moderne Luft-Wasser-Wärmepumpe ersetzt. Ergänzend entstand auf dem Dach eine Photovoltaikanlage mit rund 15 kWp Leistung. Zusätzlich wurde noch die Kellerdeckendämmung und Optimierung der Leitungsführung durchgeführt.
Dachbegrünung stärkt urbane Resilienz
Ein weiterer innovativer Bestandteil des Projekts ist die vollständige Begrünung der bislang versiegelten Dachfläche. Das modulare Gründachsystem ist leicht und rasch montierbar. Sie reduziert den Regenwasserabfluss und verbessert das Mikroklima.
Energie- und Klimawirkung
Die umgesetzten Maßnahmen führen zu einer deutlichen Verbesserung der Energieeffizienz des Gebäudes. Der Endenergiebedarf für Raumwärme sinkt von 97.706 kWh pro Jahr auf 64.059 kWh pro Jahr. Durch die Umstellung auf eine Luft-Wasser-Wärmepumpe kann der Strombedarf für die Beheizung – ohne Berücksichtigung der Photovoltaikanlage – um rund 80 Prozent reduziert werden. Damit leistet das Projekt einen konkreten Beitrag zur Umsetzung der Klima- und Energiestrategie des Landes Steiermark und zeigt, wie bestehende Wohngebäude nachhaltig und wirtschaftlich in die Zukunft geführt werden können.
Sozial verträgliche Sanierung im bewohnten Zustand
Ein wesentlicher Vorteil der seriellen Sanierung liegt in ihrer Minimalinvasivität. Die Bewohnerinnen und Bewohner können während der Bauarbeiten in ihren Wohnungen bleiben, da die wesentlichen Maßnahmen von außen erfolgen. Kurze Bauzeiten, geringe Lärm- und Staubbelastung machen diese Methode sehr attraktiv für die Bewohnerinnen und Bewohner.
Digitalisierung als weiterer Baustein
Ein zentrales Ziel des Projekts ist es, durch Standardisierung, Vorfertigung und Digitalisierung wiederholbare, wirtschaftlich tragfähige Sanierungslösungen zu schaffen. Ein digitaler Zwilling auf Basis von 3D-Laserscans ermöglicht die exakte Abstimmung von Planung, Vorfertigung und Montage sowie die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus – von Bau bis Betrieb. Dadurch werden Energieflüsse transparent, ineffiziente Betriebszustände früh erkannt und Kosten- sowie Qualitätssicherheit langfristig gewährleistet.
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