Dekarbonisierung und Weiterentwicklung des gemeinnützigen Gebäudebestands
Rund 15.000 Wohnungen (Miete und Eigentum) werden im langjährigen Durchschnitt pro Jahr von GBVs errichtet. Ein Vielfaches davon, nämlich rund eine Million Wohnungen aus unterschiedlichen Bauperioden, werden von GBVs verwaltet und in Schuss gehalten. 13.000 Erstvermietungen p.a. stehen rund 50.000 Wiedervermietungen aus dem Bestand gegenüber – allein diese Zahlen zeigen, welch hohe wohnwirtschaftliche Bedeutung der gemeinnützige Wohnungsbestand hat.
Doch auch baukulturell und ökologisch ist der Gebäudebestand wertvolles Erbe und Herausforderung zugleich, gilt es doch, ihn fit für die nächsten Generationen zu machen. Rund 1,3 Milliarden Euro werden pro Jahr in Instandhaltung und Sanierung des gemeinnützigen Gebäudebestands investiert. Rund 7.500 GBV-Wohnungen werden jährlich thermisch saniert, bei 6.500 Wohnungen werden die Heizungen auf ein klimafreundliches System getauscht, mit steigender Tendenz. Doch all das wird bei weitem nicht ausreichen, um den (zum Teil gesetzlich verankerten) Anforderungen an zeitgemäßen Wohnkomfort, Klimawandelanpassung, Klimaschutz und Ortsbildpflege in den kommenden ein bis drei Jahrzehnten Genüge zu tun.
Mehrere Veranstaltungen widmeten sich in den vergangenen Wochen den Themen der nachhaltigen Transformation, Nachverdichtung, Sanierung und Dekarbonisierung des (gemeinnützigen) Wohnungsbestands:
Dekarbonisierungsworkshop in Lenzing
Auf Einladung der GSG Vöcklabruck trafen sich die GBV-Dekarbonisierungsbeauftragten aus den Bundesländern und dem Verband in Lenzing zu einem zweitägigen Dekarbonisierungsworkshop. Hochkonzentriert und bei bester Stimmung wurde an der Umsetzung des im November 2025 verabschiedeten Mission Statements gearbeitet.
Highlights waren:
- Der intensive Austausch über Best Practice Beispiele, wirtschaftliche Strategien und Learnings aus der gemeinnützigen Sanierungspraxis
- Lebendige Statistik: Wo stehen wir auf dem Weg der Transformation?
- Gemeinsame Erarbeitung eines Anforderungsprofils für Weiterbildung zum Thema Dekarbonisierung im Wohnbau
- Ein Praxisimpuls zur Partnerschaft von GBVs und Gemeinden auf dem Weg zur Klimaneutralität
- Klärung von Datenlücken und Fortschritten beim Portfoliomanagement
- Eine spannende Exkursion zum Rheintalmühle Holzverarbeitungs GmbH: Die Wertschöpfungskette des Holzes von der Wiege (Wald) bis zur Bahre (Biokohle)
Das gemeinsame Resümee lautet: Die Dekarbonisierung im gemeinnützigen Wohnbau braucht Kommunikation nach innen und außen, gemeinsame Standards und beschleunigte Umsetzungsschritte.
Symposium Bestand weiterdenken – Zukunft gestalten.
Anfang Juni lud das BMWKMS, Abteilung Baukultur, zum Symposium „Transformation des Bestandes. Die baukulturelle Zukunft des Wohnens“ nach St. Johann in Tirol und Innsbruck. Schwerpunkt der Tagung, an der Expertinnen und Experten aus Planung, Forschung, Politik, Verwaltung und Projektentwicklung teilnahmen, war die Weiterentwicklung der bis Mitte des 20. Jahrhunderts errichteten Arbeitersiedlungen, von denen die meisten in der Verwaltung gemeinnütziger Bauvereinigungen stehen. Viele dieser Siedlungen stehen vor einer umfassenden Transformation (Sanierung, Nachverdichtung, Ersatzneubau) und der Herausforderung, soziale, ökologische und wirtschaftliche Anforderungen in Einklang zu bringen.
Als Anschauungsbeispiel diente die Südtiroler Siedlung in Innsbruck-Pradl, mit fachkundiger Führung durch Vertreter von NHT und der Stadt Innsbruck. Es wurde gezeigt, welches Potenzial im Bestand liegt: für leistbares Wohnen, nachhaltige Quartiersentwicklung und eine Baukultur, die Identität erhält und Zukunft ermöglicht. Den Auftakt der Veranstaltung bildete die Unterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung zwischen Bund und Land Tirol durch Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler sowie LHStv. Philip Wohlgemuth – ein Bekenntnis zu mehr Zusammenarbeit in der Baukultur und zu einer besseren Abstimmung von Förderinstrumenten.
Wohnsymposium in Salzburg
Auch beim 85. Wohnsymposium, das Ende Juni in Salzburg stattfand, ging es um die Bestandsentwicklung: „Bestand weiterdenken: Sanieren zwischen Kosten, Klima und Zukunft“. Wie schaffen wir es, den Gebäudebestand klimafit, leistbar und zukunftssicher zu sanieren?
Unterschiedliche Perspektiven auf das Thema brachte die Diskussionsrunde mit VertreterInnen von gemeinnützigen Bauvereinigungen, AK Wien, ARCHITEKTURBUERO1 und Wienerberger. Die politische Debatte bestritten Maximilian Aigner (Salzburger Landesrat für Land- und Forstwirtschaft, ÖVP) und Kay-Michael Dankl (Vizebürgermeister Salzburg, KPÖ).
Fazit aus Sicht der GBV-Vertreter: Es gibt nicht die eine Lösung. Aber es gibt einen gemeinsamen Nenner, und der heißt Perspektivenwechsel. Nur wenn wir den vorhandenen Bestand wieder mehr schätzen und mit Revitalisierungen, Sanierungen, Nachverdichtungen und Umnutzungen in die heutige Zeit transformieren, schaffen wir Wohnraum, der auch morgen noch leistbar, nachhaltig und lebenswert ist (Maierhofer, Salzburg Wohnbau Gruppe). Für Stefan Haubenwallner (GSG und GBV-Dekarbonisierungsbeauftragter) war das wichtigste Take-Away: Trotz unterschiedlicher Zugänge bestehe Konsens, dass wohnrechtliche Anpassungen notwendig seien. Außerdem brauche die Branche eine gemeinsame Linie und belastbare Daten zum Gebäudebestand und dem Investitionsbedarf, um gegenüber der Politik den Förderbedarf überzeugend begründen zu können.
Der offene Austausch hat einmal mehr gezeigt, dass nachhaltige Lösungen nur im Zusammenspiel von Politik, Wohnbau, Planung und Interessenvertretungen entstehen können.
Autorin: Gerlinde Gutheil-Knopp-Kirchwald
Links und Social Media Beiträge:
GSG Lenzing zum Dekarbonisierungsworkshop in Lenzing
BMWKMS: Symposium Transformation des Bestandes – Die baukulturelle Zukunft des Wohnens
Neue Heimat Tirol über das Symposium Transformation des Bestands
Beitrag Maierhofer über das Wohnsymposium „Bestand weiterdenken“
Weiterführender Artikel zum Thema Transformation des österreichischen Gebäudebestands:
Gutheil-Knopp-Kirchwald, G. (2026). The Five-Stage Transformation of the Austrian Housing Stock towards Net Zero and beyond. International Sustainable Energy
Conference - Proceedings, 2. https://doi.org/10.52825/isec.v2i.3425