GEMEINNÜTZIGE BAUVEREINIGUNGEN

Die Auswirkungen von Covid-19 auf die finanzielle Situation der Haushalte in Österreich und der EU

Die Corona-Krise ist nicht nur eine gesundheitliche Krise, sondern auch eine wirtschaftliche und soziale Krise. Obwohl die offiziellen Arbeitslosenraten sowohl in der EU als auch in Österreich allmählich wieder sinken, ist die Lage viele Haushalte weiterhin prekär. Während diejenigen, die auch während der Pandemie stabil beschäftigt waren, durch gesunkene Konsumausgaben oftmals zusätzlich Geld sparen konnten, bedeutete das vergangene Jahr für Haushalte, die ihre Arbeit verloren hatten oder in Kurzarbeit waren vielmals heftige finanzielle Einbußen. Was waren und sind die konkreten Auswirkungen der Pandemie auf die finanzielle Situation der Haushalte? Wie leistbar sind Wohnungs- und Energiekosten in dieser herausfordernden Zeit?
Eine EU-weit durchgeführte repräsentative Umfrage von Eurofound – der European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions – gibt Antworten auf diese Fragen. Bislang wurden drei Erhebungen durchgeführt, und zwar gleich zu Beginn der Pandemie (April/Mai 2020), nach den ersten Lockerungen im Sommer (Juni/Juli 2020) und schließlich im Februar/März 2021.

Österreichische Haushalte vergleichsweise besser, aber zunehmend prekär
Die Corona-Pandemie bedeutete für viele Haushalte in Europa eine Verschlechterung ihrer sozialen Lage. Auch hierzulande hat sich die finanzielle Situation vieler Haushalte im Laufe der Pandemie verschlechtert. Allerdings stehen Österreichs Haushalte insgesamt weiterhin besser da als jene in der restlichen EU. Während EU-weit fast jeder vierte Haushalt (24%) nur schwer oder sehr schwer mit dem Einkommen auskommt, ist es in Österreich etwa jeder sechste Haushalt (17%), was jedoch deutlich über den 13% von zu Beginn der Pandemie liegt.

Anteil der Haushalte, die schwer oder sehr schwer mit Einkommen auskommen nach EU-Staaten


Quelle: Eurofound (2020), Living, working and COVID-19 dataset, Dublin, http://eurofound.link/covid19data
Frage: Thinking of your household's total monthly income: is your household able to make ends meet? Answer: 'with great difficulty' and 'with difficulty

Verzug bei Wohn- und Energiekosten
Die prekäre finanzielle Situation schlägt sich auch in Zahlungsrückständen bei Wohn- und Wohnnebenkosten nieder. Blieb der Anteil der EU-Haushalte mit Zahlungsrückständen bei den Wohnkosten von Beginn der Pandemie bis zum Winter 2021 mit 8% stabil, stieg diese Quote in Österreich im selben Zeitraum von 3% auf 7% an. Noch trister sieht es bei der Bezahlung von Strom, Gas und Wasser aus. Hier waren in der EU im März 2021 sogar 13% aller Haushalte im Zahlungsrückstand. In Österreich stieg der Anteil der Haushalte mit Zahlungsrückständen bei den genannten Wohnnebenkosten von 3% auf 9%.

Anteil der Haushalte mit Zahlungsrückständen bei Wohnkosten in EU27


Quelle: Eurofound (2020), Living, working and COVID-19 dataset, Dublin, http://eurofound.link/covid19data
Frage: Has your household been in arrears at any time during the past 3 months, that is, unable to pay as scheduled any of the following? Rent or mortgage payments for accommodation. Answer: Yes.

Wohnsicherheit nimmt ab – sozialer Wohnbausektor als sicherer Anker
Die zunehmende finanzielle Last der Haushalte wirkt sich natürlich auch auf die Wohnsicherheit der Menschen aus. Jeder 20. Haushalt in der Europäischen Union geht davon aus, dass er die Wohnung in den kommenden drei Monaten wegen Zahlungsschwierigkeiten verlieren wird. In Ländern mit einem hohen Anteil an gemeinnützigem oder kommunalem Wohnbau wie etwa den Niederlanden, Dänemark oder auch Österreich ist die Wohnsicherheit vergleichsweise höher als in anderen EU-Staaten. Insbesondere bei Haushalten, die sich aktuell in einer schwierigen finanziellen Lage befinden bzw. im Verzug mit der Zahlung von Wohnkosten sind, zeigen sich die Vorzüge von sicheren und stabilen Wohnverhältnisse im sozialen Wohnbausektor. Während 43% aller privaten Mieterinnen und Mieter mit Zahlungsrückstand damit rechnen, ihre Wohnung aufgrund mangelnder Leistbarkeit verlassen zu müssen, beträgt der Vergleichswert im sozialen Wohnbausektor rund 10%. In Österreich zeigt sich nicht zuletzt aufgrund des breiten Angebots an sicheren gemeinnützigen und kommunalen Mietwohnungen eine überdurchschnittlich hohe Wohnsicherheit.

Anteil der Haushalte die Wohnung aufgrund mangelnder Leistbarkeit in nächsten 3 Monaten voraussichtlich verlassen muss in EU27


Quelle: Eurofound (2020), Living, working and COVID-19 dataset, Dublin, http://eurofound.link/covid19data
Frage: How likely or unlikely do you think it is that you will need to leave your accommodation within the next 3 months because you can no longer afford it? Answer: 'very likely' and 'rather likely'.

Knackpunkt Arbeitsplatz und Erspartes
Wie sicher die eigene Wohnsituation eingeschätzt wird, hängt neben den Kosten und der Rechtssicherheit auch wesentlich von der Sicherheit des Arbeitsplatzes ab. Am schlechtesten stellt sich die Situation bezüglich Arbeits- und Wohnsicherheit in den Ländern Griechenland, Bulgarien, Italien und Zypern dar. Neben den Corona-bedingten Einflussfaktoren spielen hier aber sicherlich auch die bereits vor Corona existierenden Lagen auf den jeweiligen Wohnungs- und Arbeitsmärkten eine Rolle. Um die zukünftige Lage am Wohnungsmarkt und die finanzielle Resilienz der Haushalte besser einschätzen zu können, müssen aber auch die Ersparnisse der Haushalte berücksichtigt werden. Hier zeigt sich, dass rund die Hälfte aller EU-Haushalte über keine finanziellen Reserven verfügen oder diese bei gleichbleibendem Lebensstandard maximal drei Monate reichen würden. In Österreich lag der Anteil der Haushalte mit wenig Reserven zu Beginn der Pandemie mit 38% zwar noch deutlich unter dem EU-Durchschnitt, ist aber mittlerweile auch auf 46% gestiegen.
Die Umfrageergebnisse lassen darauf schließen, dass trotz einer leichten Entspannung auf den Arbeitsmärkten die finanzielle Situation vieler Haushalte angespannt bleibt. Neben speziellen staatlichen Hilfsmaßnahmen greifen Haushalte auch auf Erspartes zurück bzw. kommen langfristig auch in Zahlungsrückstand. Die Ergebnisse zeigen jedoch auch klar, dass leistbare und sichere Wohnverhältnisse einen wesentlichen Beitrag zur finanziellen Stabilität der Haushalte beigetragen haben. Gemeinnützige und soziale Wohnbauträger haben also gerade während der vergangenen Monate ihre wichtige gesellschaftliche und ökonomische Funktion unter Beweis gestellt.

Link zum PDF: Research Brief

Gerald Kössl, Wohnwirtchaftliches Referat

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